Wednesday, July 1, 2026

(Robinsonville, MS >) Memphis, TN > Nashville, TN

Wir wachten am frühen Morgen im Days Inn in Robinsonville, MS auf und machten uns relativ schnell auf den Weg nach Memphis, etwa eine halbe Stunde Fahrzeit sagte das Navi voraus. Zwar frühstücken wir nicht, aber einen Kaffee vom Frühstücksbuffet nahmen wir mit.

In Memphis angekommen wollten wir als erstes Graceland anschauen, dem Anwesen, auf dem Elvis Presley seine letzten zwanzig Lebensjahr verlebt hatte und auf dem er begraben war. Aber schon die Parkgebühr von $10 schreckte uns ab, zumal wir jetzt auch nicht soooo die größten Elvis-Fans sind. Also fuhren wir den Elvis Presley Boulevard weiter Richtung Memphis Innenstadt, um uns die Beale Street anzuschauen, jene legendäre Straße, auf der der Legende nach der Blues geboren wurde. Aber das Navi schickte uns zu einem Ende der Beale Street, die gar nicht nach Blues aussah – ein bisschen wie die Friedrichstraße am Mehringplatz in Kreuzberg, wo es gar nicht nach Friedrichstraße ausschaut.

Mittels Google und Navi fanden wir zum eigentlichen Teil der Beale Street und parkten das Auto – natürlich kostenlos – vor der Beale Street Baptist Church, der ältesten Gemeinde der schwarzen Community in Memphis.

Die Beale Street am Tage ist so ein wenig wie die Hamburger Reeperbahn am Tage. Man erkennt den Glanz, der bei Dämmerung bzw. Nacht dort herrschen muss, aber tagsüber ist es ein wenig – fad. Wir liefen die Straße hoch und wieder runter, betraten einen – angenehm klimatisierten – Touristenshop, in dem wir – ganz unamerikanisch – ignoriert wurden und kehrten nach 20 Minuten zum Auto zurück. Nachts ist es hier wohl wirklich spannender.

Nächster Stop sollte die Memphis Pyramid sein, die wir am Vortage schon von der Autobahn aus in der Ferne gesehen hatten. 1991 wurde sie errichtet als Mehrzweckhalle für Sportveranstaltungen, Konzerte und sonstiges. Seit 2015 beherbergt die knapp 100 m hohe Pyramide die Bass Pro Shops, einen Megastore, in dem man Klamotten kaufen kann, ebenso Sportzubehör, Jagdutensilien und Anglerausstattungen. Außerdem gab es natürlich patriotische Devotionalien, insbesondere hinsichlich des zweiten Verfassungszusatzes, das jedem amerikanischen Bürger das Recht auf Waffenbesitz zusagt.

Nachdem Marcus und ich ein wenig geshoppt hatten, sollte es weiter gehen auf die Autobahn I-40 Richtung Nashville, TN, der Hauptstadt des “Volunteer States”. Da ich aber noch keine Starbucks-Tasse von Memphis gekauft hatte, musste der Weg über ein Starbucks-Restaurant führen, was dann wiederum uns am renommierten Rhodes College vorbeiführte. Wow. Wenn man Geld hat, kann man gut in den Vereinigten Staaten studieren…

Die Fahrt von Memphis nach Nashville (gut 200 Meilen, das sind etwa 320 km) dauern etwa 4 Stunden. In Nashville angekommen führte uns das Navi durch sehr gut betuchte Gegenden und angenehmerweise befand sich unser Hotel in ebenso einer. Wenngleich das Hotelzimmer nicht allzuteuer war, kamen $40 pro Nacht in der Tiefgarage hinzu. Autsch. Aber angenehm.

Praktischerweise konnten wir etwas früher als die gebuchten 3 PM aufs Zimmer, wo wir uns etwas ausruhten, bevor es abends zum Stadion “Geodis Park”, Heimatspielstätte des Nashville SC, Spitzenreiter der Eastern Conference der MLS (Major League Soccer, so eine Art amerikanische Bundesliga). Dort sollte abends eine Public Watch Party (im Deutschen würde man “Public Viewing” sagen) des Spiels USA gegen Bosnien-Herzegowina stattfinden, für das ich Tickets gebucht hatte, ebenso einen Parkplatz, letzterer leider kostenpflichtig.

Wir hatten überlegt, mit einem Uber dort hin zu fahren, aber wofür hatten wir ein Auto und vor allem den Stellplatz bezahlt?! Der Fußweg hätte lt. Apple Maps etwa 45 Minuten betragen, allerdings riet uns ChatGPT aus Sicherheitsgründen davon ab. Letzten Endes ist Zu-Fuß-Gehen in den USA ohnehin verdächtig…

Wir fuhren also rechtzeitig zum Stadion, um bloß nicht den Beginn zu verpassen. Und wir waren zeitig da. Sehr zeitig. Das Stadion war noch nicht einmal geöffnet und wir suchten unseren Eingang. VOR dem Stadion war eine Wiese mit einer großen Leinwand und mich beschlich das Gefühl, dass die Public Watch Party vielleicht dort stattfinden könnte statt im Stadion. Aber wir hatten doch nummerierte Plätze?!

Das Stadion selbst war sehr schick und sehr modern. Es war gerade einmal gut vier Jahre alt. Liest man sich die Wikipedia-Seite durch, wird man aus deutscher Sicht neidisch: der Standort des Stadions wurde 2017 vorgeschlagen, 2018 beschlossen, im selben Jahr war dann auch Baubeginn und am 01.05.2022 fand das erste Spiel dort statt.

Auf dem Stadiongelände war es brütend heiß, aber es gab kostenloses Wasser (take that, Germany!) nebst Getränken im Stadion selbst, die man kaufen konnte. Persönliches Highlight war, dass der Versuch, ein Bier zu kaufen, mit der Bitte ums Zeigen meiner “ID” beantwortet wurde. Sollte die Tatsache, dass ich älter als 21 war, wirklich hinterfragt werden? Beim dritten Bier erfuhr ich später, dass die Verkäufer angehalten waren, bei wirklich jedem die ID sich zeigen zu lassen, unabhängig vom Alter.

Je später es wurde, desto deutlicher wurde uns: für die nummerierten Plätze konnten wir uns gar nichts kaufen, das Spiel würde auf der Wiese vor dem Stadion gezeigt werden. Und an der Wiese stand genau eine Bank, die wir dank unseres rechtzeitigen Erscheinens belegen konnten. Ansonsten hatten die Besucher Decken mitgebracht oder Campingsstühle und stellenweise auch Tische – es war eine wundervolle Stimmung. Als ich mit der zweiten Runde Bier zurückkam, sah ich, dass sich ein Ehepaar zu uns auf die Bank gesellt hatte. Und während ich mich setzte, hörte ich ihre Muttersprache: deutsch.

Eines meiner wenigen deutschen Eigenschaften ist es, dass ich es nicht leiden kann, im Ausland Mit-Deutsche zu treffen, insbesondere in den USA. Ich tauche dort gerne unter, versuche, meinen deutschen Akzent so gut es geht zu verbergen (mit mäßigem Erfolg). Aber was willste machen. Also versuchte ich mich ein wenig im Small-Talk auf deutsch, was mir interessanterweise schwer fällt, anders als im Englischen. Es klappte ganz gut. Das Ehepaar stammte aus Bremen, wohnte aber mittlerweile in Zypern. Sie befanden sich mit ihren beiden Kindern (ein Sohn, eine Tochter), die auf dem Gelände umherliefen, auf einem achtwöchigen (!) USA-Aufenthalt, davon zwei Wochen in Nashville, um die Gegend mal ausführlich zu erkunden. Außerdem war ihr Junior im Soccer Summer Camp. Wenngleich mich die Juppie-Art des Ehepaars etwas abschreckte, konnte ich mittlerweile die Sehnsucht des Verweilens an einem Ort ein wenig nachvollziehen. Nach einer halben Woche Rumreiserei fing ich an, ein wenig ausruhen zu wollen. Ein klassischer Effekt einer solchen Tour. Und da wir ja auch noch ein wenig vor uns hatten (New Orleans! Texas! Hawaii! Sydney!) konnten wir ein wenig gegen anstinken.

Irgendwann ging das Spiel dann los und mein amerikanisches Herz ging auf, als es zur Hymne kam. ALLE standen auf und sagen mit, natürlich auch ich. Was für ein Kontrast zu deutschen Kneipen, wo die deutschen Fans in der Regel sitzen bleiben und beschämt zur Seite schauen, wenn die wunderschöne deutsche Hymne erklingt.

Das Spiel selbst war erfolgreich: die USA gewannen gegen Bosnien mit 2-0 und zogen – anders als Deutschland – ins Achtelfinale, die Runde der letzten 16, ein. Als das Spiel vorbei war, wurde “Country Roads” gespielt, das Lied, das ich so sehr mit meiner Konfirmandenzeit verbinde und dem KFS in Südtirol. Ein nächster emotionaler Moment, auch wenn wir weder in West Virginia waren noch den Shenendoah River auch nur annähernd sehen konnten.

Anschließend hatten wir angedacht, in eine nahegelegene Karaoke-Bar zu fahren, aber irgendwie war uns beiden nicht danach. Also ging’s ins Hotel zurück, wenngleich die Lust auf einen Absacker noch vorhanden war. Vieles in der Umgebung war geschlossen, aber nicht das Urban Grub, wo es noch Cocktails gab. Dort kamen wir schnell ins Gespräch mit Gästen, crashten aber auch das Date einer Dame, die ich als “Ameritrash” bezeichnen würde – eine recht alkoholisierte Dame mittleren Alters italienischer Abstammung, deren männliche Begleitung wohl auf mehr hoffte – aber nun da wir, exotische Deutsche, da waren, schien es interessanter für sie, sich mit uns zu unterhalten.

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